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28.01.2007

Es gibt anscheinend Menschen, die sind gar keine

Roland Gast

Als ich klein war, haben mich meine Eltern oft darauf aufmerksam gemacht, dass es so etwas wie „die Franzosen" oder „die Deutschen" nicht gebe. Und so habe ich es auch immer empfunden. Es gibt vielleicht eher in Frankreich als in Deutschland anzutreffende Gebräuche und Gewohnheiten und umgekehrt. Aber jeder Franzose ist eigentlich genauso individuell wie jeder Deutsche. Trotzdem werden solche und ähnliche abstrakte Begriffe immer wieder gern verwendet.

 

„Gott will es!" - das ist die Rechtfertigung aller weltlichen Macht, die jede Form von organisierter Religion jemals besessen hat. Ein anderer Fall solcher Verhaltensmuster ist der Nationalismus. Dort sind Begriffe wie „Nation" oder „Vaterland" ungeheuer wichtig. Auch Sozialismus und Faschismus bauen auf Begriffe wie „Klassen" oder die „Volksgemeinschaft". Natürlich ist es nicht anstößig, einen allgemeinen Begriff zu bilden und damit zu argumentieren. Sonst könnte man sich ja kaum über irgend etwas unterhalten. Logischerweise muss, wer etwas behaupten will, vom Allgemeinen ins Besondere. Aber mir scheint es, dass der Trick dabei dann folgender ist: wer etwas Besonderes will, definiert erst einmal das Allgemeine - das Besondere folgt dann idealerweise zwingend eben daraus. Zum Beispiel: was genau Gott will bestimmen nicht selten die Leute, die ein dem Willen Gottes entsprechendes Verhalten einfordern. Natürlich soll das nicht heißen, jeder, der von Gott rede, wolle nur den eigenen Vorteil. Aber es ist vielleicht nicht mehr so verwunderlich, wenn eben solchen Personen und Organisationen zufolge „Gott" besonderen Wert darauf legen soll, dass es ihnen selbst nicht schlecht geht.  

 

Und das besonders perfide an dieser Argumentation scheint mir zu sein, dass es so schwierig ist, gegen das Besondere vorzugehen, da ja vorher das Allgemeine hinterfragt werden muss. Denn wer ungestört schalten und walten können will, sorgt nicht selten dafür, dass das Allgemeine als etwas gesehen wird, was über den alltäglichen Querelen und Partikularinteressen liegt. Dann muss jede Kritik am Besonderen erst einmal darüber hinweg, dass der eigene Angriff auf das Allgemeine als sehr negativ empfunden wird: egoistisch, zänkerisch, vorgestrig, neidisch, feige, unmoralisch, kalt, oder sogar krank. Im Faschismus zum Beispiel ist es gang und gebe, die eigene Ideologie und Vorstellungswelt als „gesund" oder „stark" darzustellen. Leute, die eigentlich nur anderer Meinung sind, gelten automatisch als „krank" und „morsch". Wer im Besonderen also das nationalsozialistische Kriegstreiben kritisierte, musste an der allgemeinen „Tatsache" vorbei, dass doch jeder „Deutsche" weiß, was der „Führer" will. Umkehrschluss: wer sich also Fragen stellt, gehört schon mal nicht zur „gesunden Volksgemeinschaft". Und auf wen das zutrifft, der ist damit „krank" und will doch nur den Schaden des „Gesunden".  

 

Nun sind wir heute nicht im Zeitalter der Inquisition, nicht in der DDR und auch nicht im Dritten Reich. Aber es ist doch auffallend, wie viel in letzter Zeit über „die Menschen" gesprochen wird. Zunächst einmal: wer kann schon sagen, was „die Menschen" genau wollen? An sich ist das absurd. Aber der Knackpunkt ist ein anderer. Diese allgemeine Bezeichnung und alle damit verbundenen konkreten Forderungen könnte im richtigen Kontext das Fundament für eine Diktatur legen. Dazu braucht es nur einen winzigen weiteren Schritts. Denn wenn „die Menschen" wirklich etwas wollen, müssen sie auch etwas nicht wollen. Aber weil im Zusammenhang mit „den Menschen" eigentlich immer über die Gesellschaft gesprochen wird, muss das, was „die Menschen" nicht wollen, auch von Menschen gemacht werden. Und warum sollten diese Menschen bewusst tun, was „die Menschen" gerade nicht wollen, außer, weil sie selbst nicht zu „den Menschen" gehören? Gehören wollen? Es gibt anscheinend Menschen, die sind aus eigenem Verschulden gar keine. Und wer das ist, bestimmen natürlich die, die wissen, was „die Menschen" wollen.  

 

Deswegen sollte unsere Demokratie schon heute diesen Begriff entmachten. In „Im Westen nichts Neues" heißt es, anstatt auf all die nationalistischen Kriegstreiber zu hören und geschlossen in den Krieg zu ziehen, könnte man doch auch ein Stadion mieten. Während sich die Unbeteiligten prächtig miteinander die Zeit vertreiben, könnten sich alle, die sich angesprochen fühlen, dort gegenseitig den Schädel einschlagen. Vielleicht sollten wir mal einen Fernsehabend reservieren, damit all jene, denen es um „die Menschen" geht, eine große Summe Geldes spenden können. Ihres eigenen, versteht sich.  

 

Bild: http://de.wikipedia.org/wiki/Bild:Scene_from_an_Inquisition_by_Goya.jpg  

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Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)

"Wenn der Staat ein Privatmann wäre, käme er aus dem Gefängnis nicht mehr heraus."

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