home mail print index imprint

Report zur Welternährung - So liest das IUF die Nachrichten

Steffen Hentrich - IUF

Laut einem Presseartikel der Online-Ausgabe des Spiegel werde im Report zur Welternährung Forderungen nach einer radikalen Umkehr in der Agrarpolitik laut, in der vom Spiegel folgende Kernaussagen ausgemacht wurden: Die industrielle Landwirtschaft mit Monokultur und intensivem Einsatz von Kapital oder Pestiziden sei an Grenzen gestoßen, die Zeit zum Handeln sei knapp. Die Agrarproduktion sei radikal umzustellen. Notwendig sei die Rückbesinnung auf natürliche und nachhaltige Produktionsweisen. Dazu zählen der Einsatz natürlicher Düngemittel und traditionellen Saatguts sowie kürzere Wege zwischen Produzenten und Verbrauchern. Auch wären die ärmsten Entwicklungsländer die Verlierer weiterer Handelsliberalisierungen.  

 

Der Artikel suggeriert, dass eine technische Modernisierung der Landwirtschaft und eine stärkere weltweite Marktöffnung des Landwirtschaftssektors besonders für die Entwicklungsländer von Nachteil wären. Doch ein genauer Blick auf die dem Artikel zugrunde liegende Dokumentation zeigt, dass man beim IAASTD keineswegs eine Rückkehr in die landwirtschaftliche Vergangenheit traditioneller landwirtschaftlicher Verfahren und versperrter Märkte fordert. Vielmehr liegt eine recht offensichtliche Fehlinterpretation des gesagten vor:  

So äußert sich der Bericht zum Thema Nachhaltige Landwirtschaft deutlich differenzierter als der Spiegel, wenn er den Erhalt der landwirtschaftlichen Produktivität bei gleichzeitigem Erhalt der Naturfunktionen fordert. Dies ist nicht gleichbedeutend mit der vom Spiegel verkürzt zitierte Notwendigkeit organischer Düngung und der Verwendung traditionellen Saatsguts. Der Bericht fordert vielmehr das offensichtlich notwendige, einen effizienteren Umgang mit Dünger, Wasser, Energie und Land und fordert daher die Beendigung aller Subventionen, mit denen nicht-nachhaltige Landwirtschaft implizit gefördert wird. Dagegen sollen marktkonforme und andere umweltpolitische Instrumente genutzt werden, die Umwelt- und Naturschutzdienstleistungen der Landwirte fördern, ein besseres Ressourcenmanagement unterstützen und damit zu mehr Umweltqualität in der Landwirtschaft führen. Hervorgehoben wird etwa, dass langfristige Nutzungsrechte für landwirtschaftliche Flächen und Wasser und institutionelle Maßnahmen zur Abfederung landwirtschaftlicher Ertragsrisiken von hoher Bedeutung für eine langfristige Profitabilität der Landnutzung und damit Voraussetzung für nachhaltige Anbaupraktiken in der Landwirtschaft sind. Probleme der gemeinsamen Nutzung von Umweltgütern (Wasser, Boden, Luft) sollten durch eine institutionelle Rahmensetzung und eine partizipatorische und demokratische Entscheidungsfindung reduziert werden. Keine Rede ist hier von Zukunftspessimismus und der Rückkehr zur vorindustriellen Landwirtschaft. Es geht nicht um eine Rückbesinnung auf natürliche und nachhaltige Produktionsweisen, sondern um eine nachhaltige Modernisierung der Landwirtschaft.  

 

Ebenso spekulativ ist die angebliche Warnung vor den Gefahren der Biotechnologie in Form genveränderter Pflanzen. Zwar wird in dem Bericht ein vorsichtiger Umgang mit neuen Technologien angemahnt, ein nüchterner Umgang mit den Ertragspotentialen neuer gentechnischer Pflanzen und institutionelle Unsicherheiten im Umgang mit dem Nebeneinander von traditioneller Landwirtschaft und Biotechnologie angemahnt, doch äußert sich auch hier nicht der vom Spiegel suggerierte Fortschrittspessimismus. Richtig ist, dass der Bericht eine kritische Bewertung der Patentierbarkeit transgenetischer Pflanzen fordert, da hier tatsächlich steigende Kosten und eingeschränkte Möglichkeiten für eigenständige Weiterentwicklungen der Landwirte zu erwarten sind. Eine befriedigende Lösung dieser Probleme der Gratwanderung zwischen Entwicklungsanreizen für die Biotech-Branche und einer unerwünschten Monopolisierung dieses Industriezweiges ist bislang nicht gefunden, bedeutet jedoch keineswegs eine Relativierung der wirtschaftlichen und ökologischen Potentiale biotechnischer Verfahren in der Landwirtschaft. Dem widerspricht auch der Bericht des IAASTD nicht.  

 

Überzogen sind auch die Äußerungen des Spiegel-Artikels zur Handelsliberalisierung der globalen Agrarmärkte. So wird auch das Zitat des IAASTD-Direktors Robert Watson, ?Die ärmsten Entwicklungsländer sind die Verlierer weiterer Handelsliberalisierungen" aus dem tatsächlich Kontext des Berichts gerissen. Der Bericht konstatiert, dass weltweiter Handel mit Agrargütern für die Armen viele Entwicklungsmöglichkeiten bietet, jedoch die derzeitigen Liberalisierungsbestrebungen zweifellos schwierige Verteilungskonsequenzen haben. Dabei wird berechtigterweise betont, dass eine Marktöffnung ohne hinreichende rechtliche Rahmenbedingungen und technische Infrastruktur in den Entwicklungsländern zu gravierenden Problemen der dort ansässigen Landwirte führen kann. All dies kann jedoch nicht wie beim Spiegel gegen eine Handelsliberalisierung angeführt werden, sondern impliziert weiterreichende Forderungen an die Wirtschaftspolitik der betroffenen Länder. Ein faires Handelssystem kann vielmehr einen Beitrag zu Nachhaltigkeit und Entwicklung in der Landwirtschaft der Entwicklungsländer leisten und den Bauern Zugang zu moderner Technologie und Know-How eröffnen. Hierbei wird jedoch die Notwendigkeit eigenständiger politischer Flexibilität der Einzelstaaten betont und globalpolitischen Zwangsmaßnahmen, denen sich kein Land entziehen kann, eine verständliche Abfuhr erteilt. Gleichberechtigung im internationalen Verhandlungsprozess sei essenziell. Der Bericht hebt hervor, dass die Beseitigung von Handelsbarrieren seitens der Industrie- und Entwicklungsländer den Entwicklungsländern bei der Ausnutzung ihrer komparativen Kostenvorteile helfen würde. Ebenso nützlich Investitionen in die öffentliche Infrastruktur und die Versorgung mit finanziellen Ressourcen durch ein funktionierendes Kreditsystem. Kompensationsmaßnahmen für Übergangsprobleme der Landwirte infolge wegfallender Handelsbarrieren würden die Bereitschaft für die notwendigen Veränderungen erhöhen. Schließlich seinen Märkte und eine verbesserte Handelspolitik geeignet die Anwendung von moderner Wissenschaft und Technologie in der Landwirtschaft zur Reduzierung von Umweltschäden zu fördern, wenn gleichzeitig umweltschädliche Subventionen abgeschafft, Umweltschäden besteuert, Eigentumsrechte gestärkt und Naturschutzleistungen entgolten würden. Auch hier kann aus dem Bericht kein Wasser auf die globalisierungsfeindliche Mühle des Spiegel-Artikels geschöpft werden.  

 

Bedauerlicherweise scheinen sich zwischen dem Anspruch moderner Massenmedien, dem Verbraucher unverzerrte Information zu liefern, und der tendenziösen Realität Welten aufzutun. Angesichts der Tatsache, dass Massenmedien häufig die einzige Informationsquelle des Bürgers für seine Meinungsbildung darstellen und ihnen damit eine wichtige Rolle in der Bildung und Äußerung von Wählerpräferenzen in unserer Demokratie zukommt, erscheint dieses Beispiel inhaltlich verkürzter Berichterstattung besorgniserregend.  

 

Steffen Hentrich IUF Berlin  

SPONSORING
NEWSLETTER

Ja, ich möchte aktuelle Meldungen vom Institut für Unternehmerische Freiheit:

ZITATE

Thomas Jefferson (1743-1826)

"The ground of liberty is to be gained by inches, [and] we must be contented to secure what we can get from time to time and eternally press forward for what is yet to get. It takes time to persuade men to do even what is for their own good."

Stipendien für begabte Leute
iuf top